Lörracher Arzt im "Gelb-Fieber"
LÖRRACH. Heute beginnt die Tour de France und fast alle reden über Lance Armstrong. Im Schatten bleibt der Mann, der als Titelverteidiger mit der Nummer eins ins Rennen geht: Carlos Sastre. Gerade aus Lörracher Perspektive lohnt es sich, den Weg des Spaniers genau zu verfolgen. Seine medizinische Betreuung liegt nämlich bei der Crossklinik Basel - und verantwortlich dafür ist der Lörracher Sportarzt Andreas Gösele. Eine Tätigkeit, auf der naturgemäß auch der Dopingschatten liegt. Garantien gibt Gösele nicht, aber er baut auf ein gründliches Kontrollsystem.
In den Tagen vor dem Tour-Start rückt fast schon traditionell das Thema Doping in den Mittelpunkt des medialen Interesses. In diesem Jahr geht es allgemein um den Blutpass des Weltverbandes UCI, der einige Fahrer wegen unregelmäßiger Werte ins Visier der Fahnder rückt, und im Speziellen geht es um aktuelle Dopingfälle oder um Interviews bereits überführter Doping-Betrüger. So sagte der ehemalige Profi Jörg Jaksche, die ersten Zehn der Tour de France seien alle gedopt - eine Behauptung, mit der er wohl auch Carlos Sastre gemeint haben muss. Andreas Gösele, der mit seinem Team für die gesamte medizinische Betreuung des in der Schweiz lizenzierten Cervélo Test Teams verantwortlich ist, hält nichts von solchen pauschalen Vorwürfen. "Woher will Jörg Jaksche das wissen, war er der Beichtvater des Pelotons?", fragt Gösele.
Natürlich gebe auch er für niemanden eine Garantie ab, betont Gösele. Doch nach den vorliegenden Werten, so Gösele, gebe es keine Anhaltspunkte für solche verallgemeinernden Aussagen. Im Cervélo Test Team werden die neuen Blutpässe ausdrücklich begrüßt. Zusammen mit eigenen Untersuchungen ergebe sich ein gutes Bild. "Wir versuchen alles, was geht", versichert Gösele, der ausdrücklich begrüßt, dass, wie im aktuellen Fal Thomas Dekker, mit neuen Methoden auch alte Proben noch einmal untersucht werden. "Doper sollen Angst haben, dass sie vielleicht auch noch in zwei Jahren erwischt werden", meint Gösele. Der Lörracher Arzt weist aber auch auf andere Faktoren hin, die neben den Kontrollen und der medzinischen Aufsicht Fahrer von Manipulationen abhalten sollen. "Wir müssen den Fahrern auch klarmachen, dass es nicht nötig ist", so Gösele, "wir dürfen keinen so großen Druck aufbauen."
Das Cervélo Test Team unterscheidet sich in diesem Punkt von anderen Profi-Rennställen. Die Mannschaft wurde vom kanadischen Radhersteller in erster Linie für technische Tests unter Wettkampfbedingungen aufgebaut. Bewusst fährt die Mannschaft, die in der Schweiz gemeldet ist, mit einer international zweitklassigen Lizenz. "Wir wollen den Radsport voranbringen", sagt Gösele. So wurden zum Beispiel bei den Frühjahrsklassikern auf den Pflasterstein-Strecken neue, breitere Felgen mit breiteren Reifen getestet und bei der Tour, wo normalerweise auf bewährtes Material gesetzt wird, probiert Cervélo Rahmen aus, die erst vergangenen Woche fertig gestellt wurden. Für Testfahrten wurde schon einmal der Flugplatz in Stans gemietet. Auf der Landebahn fuhren Autos neben den Fahrern, um mit Videoaufnahmen Bewegungsabläufe und Aerodynamik zu verbessern.
Diese Mitarbeit an einem Rennsport-Labor findet Gösele faszinierend. Aber natürlich geht es bei Cervélo auch um Erfolge - und für Gösele auch um möglichst optimale medizinische Betreuung. Der Orthopäde leitet das gesamte medizinische Team, wobei er nur zu ausgewählten Rennen oder Tour-Etappen anreist und ansonsten den Einsatz der einzelnen Mannschaftsärzte koordiniert. Auch aus sportmedizinischer Sicht musste beispielsweise der junge Deutsch-Australier Heinrich Haussler nach seinen sensationellen Frühjahrserfolgen erst einmal zur Regeneration in Urlaub geschickt werden. Mit der medizinischen Arbeit zufrieden war Gösele auch beim Giro d'Italia. Dort hatte Cervélo keinen krankheitsbedingten Ausfall, was das Team letztlich stark machte. Allerdings habe sich in Italien auch gezeigt, dass die Mannschaft und Kapitän Sastre nicht jeden Tag übermenschliche Leistung bringen können. Auf eine Art, so Gösele, sei dies schon wieder beruhigend. Er wundere sich viel mehr über Fahrer, die "locker mit der Hand am Oberlenker" ständig die außergewöhnlichsten Leistungen bringen.
"Wir können das Rennen nicht dominieren"
So fährt Cervélo gelassen zur Tour. Die Mannschaft setzt auf Tageserfolge von Heinrich Haussler oder des früheren Gewinner des grünen Trikots, Thor Hushovd. Und vor allem auf die menschlich wie taktisch zurückhaltende Art von Carlos Sastre. "Ein sympathischer und unheimlich kluger Velofahrer", wie Andreas Gösele findet. Cervélo könne das Rennen nicht wie das umstrittene Astana-Team von Armstrong und Contador dominieren. Und wie Gösele das sagt, scheint er auch ganz froh darüber. Cervélo hoffe eher auf die Gunst des Augenblicks: "Vielleicht können wir den Lucky Punch setzen."




