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07.01.2024 Prof. Dr. Marcel Jakob

Arthrose

Arthrose könnte man umgangssprachlich auch als Abnutzung eines Gelenks bezeichnen. Sie beginnt meist mit einem langsam (Jahre bis Jahrzehnte) fortschreitenden Abbau von Gelenkknorpel. Ab einem gewissen Stadium sind auch die angrenzenden Strukturen wie der Knochen, Menisken, Gelenkkapsel und die Bänder mitbetroffen. Im Endstadium führt dies zu einer Zerstörung der Gelenke. Arthrose ist die weltweit häufigste Gelenkerkrankung und kann alle Gelenke betreffen. Mit zunehmendem Alter betrifft diese Erkrankung praktisch alle Menschen.


Was genau ist Arthrose?

Der Gelenkknorpel zeichnet sich durch eine Reihe einzigartiger Eigenschaften aus. Seine Reibung an der Oberfläche ist geringer als die von Glatteis. Bei Verletzungen oder Abnutzung kann er nur sehr eingeschränkt heilen, und sich nicht mehr vollständig regenerieren. Der Knorpel selbst hat keine Nerven und keine Gefässe. Er wird über das Gelenk mittels Gelenksflüssigkeit und Bewegung ernährt. Schmerzen in einem Gelenk sind nicht auf den Knorpel zurückzuführen, sondern auf die umgebenden Strukturen wie Gelenkkapsel, Bänder und Knochenhaut. Bei zunehmender Abnutzung des Gelenkknorpels kommt es zu entzündlichen, chemischen Prozessen im Gelenk, welche meist schubweise auftreten. Dies äussert sich im Krankheitsverlauf mit zunehmenden, in Schüben auftretenden Gelenkschmerzen, einhergehend mit möglichen Gelenkschwellungen und Bewegungsbeeinträchtigungen.


Welche Ursachen gibt es?

Die Ursachen sind sehr vielfältig und häufig kann bei einem Patienten nicht gesagt werden, weshalb er nun an einem bestimmten Gelenk eine fortgeschrittene Arthrose entwickelt hat. Es werden grundsätzlich drei Gruppen von Ursachen unterschieden: die entzündliche Grunderkrankungen, die Überbelastung oder Verletzungen der Gelenke und angeborene Knorpelstörungen. Diese Ursachen können auch im Zusammenspiel einwirken.

Entzündliche Grunderkrankungen:

Dazu zählen vor allem rheumatische Entzündungen, aber auch Gicht und Entzündungen durch Infektionen (Zeckenbiss). Die Entzündungen schaden dem Knorpel und können ihn zerstören.


Überbelastung:

Eine übermässige Belastung der Gelenke durch schwere körperliche Arbeiten, Übergewicht, aber auch bestimmte Sportarten sind als Ursachen beschrieben. Eine weitere häufige Ursache sind auch Unfälle mit Knochen- und Knorpelverletzungen im jüngeren Alter, die später zu einer Arthrose führen. Starke X- oder O-Beine führen ebenfalls zu einseitigen Überlastungen in den Kniegelenken und können hier eine Arthrose verursachen. Neben der Überbelastung wird auch der sehr stark verbreitete Bewegungsmangel als mögliche Ursache diskutiert. Die Knorpelernährung geschieht bei Bewegungen über die Gelenkflüssigkeit, welche die Knorpelzellen mit Nährstoffen versorgt. Wenn dies durch langjährigen Bewegungsmangel nicht erfolgt, können Knorpelzellen absterben und durch chemische Prozesse den Knorpel aufweichen.


Angeborene Knorpelschäden:

Eine grosse Rolle können auch erbliche Veranlagungen spielen. Oft ist familiär eine Häufung zu sehen und die Patienten berichten, dass Gelenkschmerzen und Arthrose in der Familie bekannt sind.


Was sind typische Arthrosesymptome?

Zu Beginn beklagen sich die Betroffenen über dumpfe, manchmal auch stechende Schmerzen, welche nach längeren Belastungen auftreten. An den Kniegelenken wird beispielsweise sehr oft über Schmerzen nach dem Abwärtsgehen oder Wandern berichtet. Ebenfalls typisch sind Anlaufschmerzen am Morgen oder nach einer Pause, meist kombiniert mit einer gewissen Gelenkssteife. Wird das betroffene schmerzende Gelenk dann bewegt, verschwinden Schmerz und Steifigkeit wieder. Die schmerzhaften Phasen verlaufen wellenförmig, wobei diese mit zunehmendem Krankheitsverlauf und Arthrose häufiger auftreten und die Schmerzintensität zunimmt. Zusätzlich kommt es im fortgeschrittenem Stadium zu Bewegungseinschränkungen und zu einer Fehlstellung in den betroffenen Gelenken. Arthrosebeschwerden können alle Gelenke betreffen. Auch die Wirbelsäule ist häufig mitbetroffen.


Wann sollte man den Arzt aufsuchen?

Das Konsultieren eines Arztes ist individuell und hängt von der Schwere der Beschwerden und der Lebensqualität des Einzelnen. Bei Gelenksbeschwerden ist es sicher richtig, den Hausarzt aufzusuchen, um zu klären, ob es sich um eine beginnende Arthrose oder eine andere Erkrankung handelt. Bei akuten Schmerzen, Gelenksblockaden, Schwellungen und Überwärmung der Gelenke sollte ein Arzt konsultiert werden, da diese Symptome auch eine andere Ursache haben könnten als eine Arthrose, deren Symptomatik eher langsam beginnt.


In welchem Lebensalter erkranken die Patienten in der Regel?

Typischerweise treten erste Beschwerden meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf. Mit zunehmendem Lebensalter nimmt die Schwere der Arthrose zu. Ab einem Alter von über 65 Jahren leiden 90% der Bevölkerung an einer mehr oder wenig fortgeschrittenen Arthrose.


Sind mehr Frauen oder Männer betroffen und warum?

Es ist tatsächlich so, dass Frauen etwas häufiger an Arthrosebeschwerden leiden als Männer. Dies betrifft hauptsächlich Knie, Schulter und die Hand. Die Ursachen dafür sind unbekannt. Verschiedene Erklärungen wie der Unterschied in der Muskulatur oder angeborene Ursachen in den Bändern, Sehnen oder Knorpelstrukturen konnten bisher nicht bewiesen werden.


Wie wird Arthrose behandelt?

Die Arthrose selbst, d. h. die Abnutzung der Gelenke, kann zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht geheilt werden. Die Pharmaindustrie versucht Medikamente zu entwickeln, welche den Knorpelabbau verhindern sollen. Auch in den Knorpelersatzbehandlungen ist die Forschung daran, Knorpel im Labor zu züchten und diesen in Studien beim Menschen zu testen. Es wird aber sicher noch einige Jahre dauern, bis die Behandlungen bei allen Patienten eingesetzt werden können. Heutzutage konzentriert sich die Behandlung der Arthrose auf die Symptome der Schmerzen und Entzündungen, um die Beweglichkeit und Form der betroffenen Gelenke zu bewahren und somit die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.


Welche alternativmedizinischen Methoden, Verhaltensweisen oder Hausmittel können Linderung bringen?

Verschiedene Eckpfeiler der Arthrosebehandlungen werden empfohlen.


1. Bewegung:

In einer akuten Schmerzphase sollte das Gelenk geschont werden. Danach ist es ratsam, das Gelenk möglichst schnell wieder zu bewegen, wobei Überlastungen vermieden werden sollten. Eine gute Muskulatur stabilisiert die Gelenke, vermindert die Schmerzen und erhält die Beweglichkeit. Physio- oder Ergotherapie kann den Betroffenen dabei helfen, ihre Gelenke zu bewegen, die Muskulatur aufzubauen und die Beweglichkeit durch verschiedene Übungen, welche bei regelmässiger Durchführung auch die Koordination fördern, zu verbessern. In Schmerzphasen können physikalische Anwendungen wie Wärme, Kälte, Gleichstrom, Wasseranwendungen, Massagen sowie Infrarot oder UV-Licht unterstützend wirken.


2. Medikamentöse Behandlung:

Hierbei handelt es sich um Medikamente, welche die Schmerzen behandeln oder die Entzündungen in den Gelenken vermindern. Dabei kommen auch alternativmedizinische Behandlungen zum Einsatz. Darüber hinaus ist bekannt, dass pflanzliche Schmerzmittel, chinesische Medizin (Akkupunktur) oder Magnetfeldtherapie eine gewisse schmerzhemmende Wirkung haben. Aus der klassischen Medizin finden vor allem nichtsteroidale Antirheumatika als Schmerzmittel und Entzündungshemmer (z.B. Brufen, Ponstan, Voltaren etc.) eine breite Anwendung. Bei stärkeren Beschwerden können Kortisonpräparate zum Einsatz kommen, welche systemisch mit Tabletten bei Befall von mehreren Gelenken, aber auch über lokale Infiltrationen ins Gelenk die Schmerzen und Entzündung recht gut hemmen können. Die körpereigene Knorpelsubstanz Chondroitin kann als Nahrungsergänzung oder Tablette eingenommen werden, was möglicherweise eine gewisse Wirksamkeit auf die Entzündung im Gelenk entfaltet. Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass diese Chondroitinpräparate den Knorpelabbau langfristig verlangsamen können. Infiltriert man den körpereigenen Stoff und Hauptbestandteil der Gelenkflüssigkeit Hyaluronsäure bei Entzündungsschüben ins Gelenk, kann dies als Entzündungshemmer helfen. Diese Infiltrationen werden jedoch von den Kassen nicht bezahlt.


In welchen Fällen muss operiert werden und welche weiteren Schritte werden danach durchgeführt?

Bei den operativen Behandlungen unterscheidet man zwischen den gelenkerhaltenden Massnahmen und dem Gelenkersatz mit künstlichen Gelenken. Bei den gelenkerhaltenden Eingriffen werden mechanische Überlastungen des Knorpels korrigiert, indem solche Hindernisse beseitigt werden. Ein typisches Beispiel dafür ist die Begradigung der Beine bei starken O- oder X-Beinen. In den letzten Jahren wurden grosse Fortschritte in der regenerativen Chirurgie gemacht, wobei speziell Knorpel, aber auch Menisken und Bänder im Labor gezüchtet und bei Patienten eingesetzt werden. Diese Behandlungen werden noch in Studien untersucht, jedoch werden sie bereits bei Knorpelverletzungen oder in der Früharthrose eingesetzt.

Die künstlichen Gelenke zeigen zwar meist einen hervorragenden Therapieerfolg, doch nutzen sie sich mit den Jahren ab, können auslockern und müssen dann gewechselt werden. Bei künstlichen Gelenken wird die erkrankte Gelenkoberfläche mit Knochen entfernt. Diese Oberfläche wird mit einem künstlichen Gelenk ersetzt, welches die Form des Gelenks aufweist. Ein künstliches Gelenk wird dann eingesetzt, wenn die Arthrose das Gelenk mit den anliegenden Strukturen stark zerstört hat. Ist eine gelenkserhaltende Operation nicht mehr sinnvoll, entscheiden einzig der persönliche Leidensdruck und die Lebensqualität des Patienten mit seinen Ansprüchen an die eigene Mobilität und Selbstständigkeit die Indikation für einen Gelenkersatz. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren wie Röntgen oder MRI lässt sich die Diagnose absichern und entscheiden, ob ein Erhalt des Gelenkes noch möglich ist. Jedoch sind sie nicht entscheidend, ob oder wann ein Gelenkersatz durchgeführt werden muss. Aus technischer Sicht ist es auch nie zu spät, ein Gelenk zu ersetzen. Wer beispielsweise trotz fortgeschrittener Arthrose im Röntgenbild nur wenig Beschwerden hat und zufrieden ist mit seiner Lebensqualität, braucht keinen Gelenksersatz. Am häufigsten werden künstliche Gelenke in der Hüfte, Knie und Schultern eingesetzt. Ein künstliches Gelenk imitiert die ursprüngliche Gelenkanatomie und besteht meist aus Cobalt-, Chrom- und Titanlegierungen mit einem Gleitpartner aus sehr hartem, meist polyethylenbasierten Kunststoff.


Welche Möglichkeiten bietet ein künstliches Gelenk und was ist mit ihm nicht mehr machbar?

Künstliche Gelenke sind heutzutage so konstruiert, dass sie einen normalen Lebensablauf mit sportlichen Aktivitäten erlauben. Aufgrund der vorbestehenden Gelenkzerstörungen, der Zerstörungen der Muskelkraft durch Abnutzung oder den chirurgischen Eingriff können gewisse, meist geringe Einschränkungen auch nach dem Gelenkersatz bestehen bleiben. Diese können sich in einer verminderten Kraft der Gelenke oder einer eingeschränkten Beweglichkeit äussern. Die Verbesserung der Arthrose ist im Vergleich zu den Beschwerden einer schweren Arthrose sehr gross und ermöglicht es, ein normales Leben wiederzuerlangen.


Wie lange ist die Lebensdauer eines künstlichen Gelenkes und wie oft kann es im Extremfall ausgetauscht werden?

Bei Hüft- und Kniegelenken rechnet man mit einer Lebensdauer von mindestens 15 Jahren. Es gibt natürlich viele Fälle, die länger andauern, aber auch Frühlockerungen, die vor diesem Zeitpunkt auftreten. Insbesondere bei jüngeren Patienten, welche sich viel bewegen, ist die Abnutzung grösser und sie können schneller auslockern.

Die Hauptproblematik besteht in der Abnutzung der Gleitoberfläche, womit es zu einer Lockerung der Prothesenkomponenten im Knochen kommt. Im Extremfall kann sich der Knochen stark auflösen. Daher wird Patienten mit einem künstlichen Gelenk empfohlen, eine regelmässige Nachkontrolle mit einem Röntgenbild in vier- bis fünf jährlichen Abständen durchführen zu lassen. Künstliche Gelenke müssen ausgetauscht werden, wenn sie aufgrund der Lockerung symptomatisch und schmerzhaft werden, oder wenn radiologisch eine ausgeprägte Knochenauflösung sichtbar ist und die Gefahr eines Knochenbruchs besteht. In der Regel können künstliche Gelenke mindestens ein- bis zweimal getauscht werden, manchmal auch häufiger, wobei die Funktion sich bei mit jedem Wechsel leicht verschlechtern kann.