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20.07.2022 Clara Koppenburg

Nicole Scheidegger — Velokurierin & Ultradistanzfahrerin

Egal ob eine Everesting Challenge über 10.000 Höhenmeter oder 1000 Kilometer vom Bodensee bis nach Montreux – für Nicole Scheidegger ist keine dieser Ultratouren auf dem Rad eine unüberwindbare Challenge. Wie sich Nicole auf diese vorberietet und was sie motiviert, erfahrt ihr im folgenden Interview.


Erzähl uns doch, wie du zu deiner Leidenschaft gekommen bist?

Ich komme nicht aus einer typischen Sportlerfamilie. Ich hatte aber schon immer den Drang mich zu bewegen. So fing ich zur Schulzeit mit joggen an, einfach weil das günstig ist und man es überall machen kann. Als ich mich etwas später für einen veganen Lebensstil entschied, lernte ich einige vegane auchTriathlet*innen kennen. Fasziniert von diesen, wollte ich unbedingt auch mehr Rad fahren. Mit 17 kaufte ich mir mein erstes Rennrad. Während dem Training für die ersten Wettkämpfe habe ich schnell gemerkt, dass ich viel lieber stundenlang auf dem Rad sitze als kurze Einheiten zu fahren. Nach nur einer Saison mit einem Triathlon und einigen Duathlons (Schwimmen wurde einfach nie meins) änderte sich mein Plan und ich fuhr immer längere Strecken. Meine ersten 200 km bin ich im Dezember 2015 gefahren, weil ich einfach so Lust hatte.


Was machst du beruflich und wie vereinst du Job und dein ganzes Training? Wie viele Stunden/Kilometer fährst du in der Woche/ Jahr?

Ich bin seit über drei Jahren in der Kurierzentrale als Velokurierin unterwegs. Ich habe aber eigentliche eine Ausbildung zur Biologielaborantin abgeschlossen, wurde dort aber nie so ganz glücklich.

Es ist tatsächlich nicht ganz so einfach meine Arbeitsschichten mit privaten Fahrten zu verbinden, als man vielleicht im ersten Moment denkt. Es ist zwar auch eine Art Training, aber ich muss durch die Belastung meine Freizeit anpassen. Ich habe dadurch gelernt, wie wichtig Erholung ist. Statt einem genauen Trainingsplan zu folgen, konzentriere ich mich viel mehr darauf, was mein Körper an Erholung braucht. Dazu gehören natürlich Dehnen, Blackroll, Massagen, Dry Needling, aktive Erholung, Kälte, Wärme, usw. Ich bin da mittlerweile fast eine Expertin und es kann auch Spass machen.

Ich fahre im Schnitt 2-3 Stunden Rad pro Tag, das sind dann 10‘000-15‘000 km im Jahr, je nachdem wie viel Rennrad und Mountainbike dabei ist. Die Kurierschichten machen davon etwa 200 km in der Woche aus. Das alles ist dann aber aufgeteilt auf 4-5 Tage die Woche.

Langsam nimmt mir die Arbeit aber auch zu viel Energie und Zeit fürs Radfahren weg und es wird auch noch dieses Jahr berufliche Änderungen bei mir geben, auf die ich mich sehr freue.


Welche Events/Strecken hast du bereits absolviert? Gab es einen Favoriten?

Ich bin letztes Jahr das HOPE1000 gefahren: 1000 km und 30‘000 Höhenmeter - vom Bodensee bis nach Montreux mit dem Mountainbike über Stock und Stein.

Das war sehr anstrengend, aber es macht einfach Spass ganz alleine den ganzen Tag in der Natur zu sein. Zudem habe ich schon zwei Everesting gemacht, eines davon ganz typisch 8848 Höhenmeter an einem Aufstieg und das zweite in Form von „everestingROAM“. Hierbei ist man frei was die Route betrifft, muss aber mindestens 10‘000 Höhenmeter und 400 km fahren und das innerhalb von 36 Stunden. Beim ersten darf man nicht schlafen, beim zweiten schon. Ich mag solche Challenges, weil man sie immer und überall machen kann und man ist von keinem offiziellen Event oder Datum abhängig. Nur du, dein Rad und die Natur (und das Wetter). Deswegen fahre ich auch gerne einfach alleine längere Radtouren. 2017 war ich 3 Monate in Österreich und Deutschland unterwegs, 2019 ein Monat in Frankreich. Da nehme ich es aber für meine Verhältnisse gemütlich. (letzteres 3200 km in 28 Tagen)


Wie organisierst du dich bei einem solchen Event? Verpflegung, Material, Strecke, Gepäck…?

Mir sagt bei diesen Events am meisten zu, dass man alles, wirklich alles selber machen muss. Es gibt kein Supportauto und niemand der Übernachtungen und Hilfe organisiert. Das gibt einem unendlich viel Freiheit. Man kann schlafen, essen und stoppen, wo und wann man will und ist von niemandem abhängig. Das heisst aber auch, dass man all sein Zeug selber mitschleppen muss. Mittlerweile gibt es aber Bikepackingtaschen in allen Formen und Grössen für überall am Rad. Das war vor 5 Jahren noch nicht so. Da gab es eine Satteltasche und eine Lenkertasche. Jetzt hat man die Qual der Wahl. Ich habe seit kurzem auch eine Rahmentasche, die sehr praktisch ist. Gepäck wie Isomatte, Schlafsack, Kleidung, Hygieneartikel, Werkzeug, Ersatzmaterial, Elektronik wie Powerbank und Kabel und viel Essen, gehörten zum Bikepacking mit dazu. Je nachdem wo man unterwegs ist, muss man das aber gut planen. Da sind wir in der Schweiz mit einem Laden oder Tankstelle all 2 km viel zu verwöhnt. Ich habe aber auch schon mit dem Mountainbike eine Route im Jura geplant, auf der ich dann einen ganzen Tag lang kein Essen kaufen konnte. Für die letzten 700 km ans Nordkap haben wir auch eine Auflistung aller Unterkünfte und Läden erhalten, die auf zwei A4 Seiten Platz haben. Da hat man dann mehrmals 50 km lang einfach nichts und ich freue mich schon sehr darauf.


Was war dein bisher bester Moment?

Ich weiss nicht, ob es einen bestimmten Moment gibt, aber es ist immer sehr speziell und aufregend nachts zu fahren. Dafür braucht man natürlich gutes Licht und dann ist es oft sogar sicherer als am Tag, weil es einfach viel weniger Verkehr gibt. Autos überholen mit 3 Meter Abstand, einfach weil der Platz da ist! Man sieht und hört andere Dinge, erlebt wunderschöne Sonnenaufgänge und -untergänge und es ist sehr cool, wenn man morgens um 6 Uhr schon 100-200 km auf dem Tacho stehen hat, wenn man an der ersten Bäckerei stoppt.


Erzähl uns mehr über deine Everesting-Challenge: (Daten, Gefühle, Vorbereitung, Post-Challenge-Feeling…)

Mein erstes Everesting an der Grossen Scheidegg war sehr speziell für mich. Es war auch die erste grosse Challenge, von der ziemlich viele Leute wussten. Ich erzähle sonst meine Pläne nur engen Freunden und die restlichen Leute überrasche ich auf Instagram und Strava. Für mich war also klar, dass ich es schaffen muss und ich habe mich deswegen sehr gut darauf vorbereitet. Ich wusste, dass es mental schwieriger wird als körperlich. Der Körper hat irgendwann ein Level erreicht, bei dem er fast alles mitmacht. Der Kopf kann aber sehr laut sein. Ich wusste, dass ich mindestens 9x denselben Anstieg hochfahren muss, also bin ich im Training in der Umgebung schon ständig die gleichen Anstiege immer wieder hochgefahren, um mich an das Gefühl zu gewöhnen. Das Wetter spielte an Tag X auch relativ gut mit. Das erste Gewitter kam erst am Abend spät und zwingte mich zu einer längeren Pause. Als Fahrzeit hatte ich an sich weniger als 16 Stunden, aber mein Pausenmanagement hat das Ganze auf knapp 23 Stunden erhöht. Aber das war ok, ich hatte keine Ahnung, wie alles laufen wird. Es war danach so oder so ein geiles Gefühl.

Mein everestingROAM letztes Jahr war eher so das Gegenteil. Ich hatte noch Ferien, mir war langweilig und ich war noch im Modus kurz nach dem Hope. So stieg ich eines Sonntagabends heimlich in den Zug und schrieb nur einem Freund, was ich gerade vorhabe. Ich war kurz nach 20 Uhr in Meiringen und ich hatte meiner Meinung nach eine ziemlich gute Route geplant. Ich habe nur nicht ganz bedacht, dass es auf 2400 müM mitten in der Nacht ziemlich kalt sein wird. Ich war dann so vernünftig und habe nach dem ersten Mal Grimselpass schon eine Pause eingelegt. Ich hatte meine Notfall-Isomatte und Biwaksack dabei, deswegen war das kein Problem. Diese Challenge gibt es aber in zwei Versionen und so musste ich auf die andere wechseln. Kurz gesagt: ich wollte einfach die 10‘000 Höhenmeter ohne Schlaf möglichst schnell schaffen, musste dann aber wegen Schlaf noch auf 400 km erhöhen – ich glaube es wären sonst 300 km gewesen – und das Ganze in 36 Stunden schaffen. Als ich etwa 6000 Höhenmeter hatte, dämmerte mir langsam, was mir noch bevorsteht und dass ich definitiv schon bessere Ideen hatte. Ich habe es aber in der Zeit am Morgen nach der zweiten Nacht geschafft. Ich brauchte etwa 35.5 Stunden. Ich habe die ganze Aktion schon ein bisschen bereut, aber mittlerweile kann ich auch drüber lachen. Es hat mir zwar meine Grenzen und die der Natur gezeigt, aber ich habe es trotzdem geschafft, was mich sehr stolz macht.


Gab es eine Sache, die du über dich selbst gelernt hast durch solche Events? Wie haben dich solche Events/Touren verändert?

Solche Challenges zeigen mir immer wieder, dass die mentale Stärke viel mehr ausmacht als die körperliche Verfassung. Natürlich braucht es eine Grundausdauer, aber wenn man diese einmal hat, kann man wirklich fast Berge versetzen. Oder sie einfach immer und immer wieder hoch- und runterfahren :D Mein Selbstvertrauen wurde dadurch sicher auch viel grösser und ich kann mich auch bei nervigen Aufgaben im Alltag daran erinnern, die mir manchmal zu schwierig vorkommen.


Wie bereitest du dich vor?

Ich schaue, dass ich und mein Rad bereit sind und den Rest lass ich tatsächlich auf mich zu kommen. Das hat mittlerweile ein Ausmass erreicht, dass es mich manchmal stresst, wenn ich am Abend davor entscheiden muss, wo ich übernachte. Kontrollfreaks können definitiv keine Ferien mit mir machen. Ich fühle mich fast am sichersten, wenn nichts fix ist und ich mich spontan entscheiden kann.


Was für Material fährst du (Rad, Klamotten, Reifen…)

Ich fahre momentan ein Rennrad von Argon 18 mit Scheibenbremsen. Das ist leicht und die Scheibenbremsen helfen sehr beim Bremsen bei so vielen Höhenmetern. Bei der Kleidung achte ich darauf, dass ich für jegliche Temperaturen wechseln kann. Armlinge und Beinlinge sind also ein Muss. Für Mehrtagestouren ist leider Merinowolle (leider weil nicht vegan..) echt ein Gamechanger. Ich kann Baselayer und Socken tagelang tragen, ohne dass sie stinken. Bei meinem Trikot ist das auch ein wichtiger Faktor, obwohl ich da kein Merino trage. Zudem sollte es sehr elastisch sein, weil ich die Rückentaschen teils sehr überbelaste.


Was darf niemals auf einer Radtour fehlen?

Bei längeren Touren: Definitiv mein Plüschtier! Das hat die beste Aussicht direkt hinten auf der Satteltasche und eine leckere Cola.


Hast du ein Ritual nach einem Event? Worauf freust du dich am meisten beim Überqueren der «Ziellinie»? (Spezielles Essen, Getränk, Dusche…)

Eine ausgiebige Duschen ist definitiv sehr motivierend. Wenn ich länger im Ausland war, freu ich mich oft auf Essen und Eistee hier in der Schweiz. Ansonsten lasse ich aber gerne nachwirken und es kann sein, dass ich mehrere Stunden einfach nichts tue und nur verweile.


Wie motivierst du dich während Ultra-Distanzen und wie überwindest du Tiefpunkte?

Mir hilft es, die Distanz in kleine Etappen zu teilen und nicht am ersten Tag daran zu denken, wo ich am letzten Tag sein soll. Wenn ich merke, dass meine Stimmung im Keller ist, versuche ich meine Einstellung zu ändern und mich nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Es gibt von SXTN ein gutes Lied, das mir dabei sehr hilft. Es heisst „heul doch“ und zeigt mir dann immer, wie privilegiert ich bin, gerade unterwegs zu sein.


Was sind deine 3 Tipps für Menschen, die ähnliches vorhaben?

1. Nicht mit anderen Menschen vergleichen! Man findet immer eine Person, die weiter kommt und schneller oder besser ist.

2. Erfahrene Menschen nach Tipps fragen oder zusammen eine Tour machen.

3. Es nicht zu ernst nehmen. Es soll Spass machen und der Weg ist das Ziel! Das gilt hier wirklich.


Was sind deine Ziele für 2022?

Deadends&cake:

5 Sackgassen in der Ostschweiz, bei denen es Kuchen gibt. Werden 400-500 km und sicher 9000 Höhenmeter. Das fahre ich zusammen mit einer Freundin und wir haben kein bestimmtes Ziel ausser Kuchen.

Nord Cap 4000:

3800km von Rovereto in Italien ans Nordkapp in Norwegen. Das ganze «Event» ist «self-supported» und die Uhr steht nie still


Gibt es sonst noch etwas, was Menschen über dich wissen sollten?

Ich habe viel mehr Angst als die meisten Menschen denken. Nur weil ich alleine unterwegs bin, bin ich nicht furchtlos. Ich bin ständig unsicher und stelle alles in Frage und wünschte, ich wäre einfach zuhause im Bett. Aber das gehört dazu und ich wurde bis jetzt immer belohnt.


Gibt es ein Event, was du UNBEDINGT noch machen möchtest?

Definitiv „The Transcontinental Race“. Ich war auch schon zweimal auf der Startliste. Einmal kamen private Umstände dazwischen und beim zweiten Mal Corona. Das ist auch der Grund, warum ich mich dieses Jahr fürs NC4K entschieden habe.

Foto: Pablo Wünsch Blanco