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06.03.2022 Clara Koppenburg

Tag der gesunden Ernährung

Gesunde Ernährung ist ein grosses Thema in unserer Gesellschaft. Sie ist ausschlaggebend für ein gesundes und langes Leben. Um diesem noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken, hat der Verband für Ernährung und Diätetik (VFED) 1996 den 7. März als Tag der gesunden Ernährung ins Leben gerufen. Ziel ist es, das Thema der gesunden und bewussten Ernährung im Alltagsleben der Menschen, mit bundesweiten Aktionen, zu festigen.


Doch was zeichnet eine gesunde Ernährung aus und wie schaffen wir es, diese im Alltag umzusetzen?

Celine Matter, Ernährungswissenschaftlerin aus Basel, klärt auf:


Wie bist du auf die Thematik «gesunde Ernährung» gestossen?

Mit der Ernährung habe ich mich in meiner Jugend als Leichtathletin das erste Mal auseinandergesetzt und war aufgrund eines Leistungseinbruchs selbst bei der Ernährungsberatung.


Was bedeutet gesunde Ernährung für dich?

Gesunde Ernährung bedeutet für mich, dass abwechslungsreich und vielseitig gegessen wird und das keine Verbote bestehen. Das heisst, dass keine einzelnen Lebensmittel oder gar ganze Lebensmittelgruppen (z.B. Kohlenhydrate) aus der Ernährung verbannt werden oder man sich nichts Süsses mehr gönnt. Eine gesunde Ernährung ist für mich also eine verbotsfreie und möglichst vielseitige Ernährung.


Wie sollte eine gesunde und ausgewogene Ernährung im Alltag aussehen? Was sind die Basics?

Für eine gesunde Ernährung kann man sich an der Schweizer Lebensmittelpyramide orientieren. Diese kann als Grundlage genommen werden und individuelle Anpassungen vorgenommen werden, denn jede Person hat einen anderen Bedarf an Nährstoffen.


Wie finde ich heraus, welche Ernährung für mich die richtige ist?

Es hört sich vielleicht banal an, aber wir sollten dazu einfach auf unseren Körper hören. Unser Körper sagt uns sehr genau, wann wir mehr Energie benötigen oder wann wir z.B. zu wenig Kohlenhydrate zu uns genommen haben. Schwieriger ist es, diese Signale zu erkennen, da wir uns gewohnt sind unsere Ernährung von Diäten steuern zu lassen und Heisshunger auf Süsses als Disziplinlosigkeit anzusehen anstatt als ein Signal des Körpers, dass möglicherweise zu wenig Kohlenhydrate gegessen wurden.


Rätst du Männern und Frauen zu denselben Lebensmitteln?

Prinzipiell gibt es keinen Grund, dass Männer oder Frauen andere Produkte konsumieren sollten. Was sich unterscheidet ist jedoch meist der Energiebedarf, welcher bei Männern in der Regel höher ist. Dies bedeutet, dass Männer in den meisten Fällen mehr essen sollten.


Für viele ist gesunde Ernährung mit mehr Mühe und mehr Kosten verknüpft. Wie siehst du das?

Gesunde Ernährung kann einfacher sein als man denkt. Dazu muss auch nicht immer gekocht werden. Ein einfaches und dennoch ausgewogenes Essen ist zum Beispiel 1-2 Brötchen, 2 Karotten und etwas Kräuterquark zum Dippen. So kann auch in nur 5min schnell ein gesundes Menü entstehen. Wer lieber etwas warmes essen möchte kann auch gut auf Tiefkühlgemüse zurückgreifen. Dieses enthält nämlich genau gleich viele Vitamine und Mineralstoffe und das zeitaufwändige Rüsten fällt weg.


«In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist» - so das Sprichwort. Beeinflusst die Ernährung wirklich unser Wohlbefinden? Wie steht es um «gelegentliche Sünden»?

Absolut! Ohne bedarfsdeckende Ernährung funktioniert unser Körper nicht optimal. Dazu gehören auch süsse und salzige Snacks, die übrigens auch täglich eingebaut werden dürfen, ganz ohne schlechtes Gewissen. Wie bei fast allem geht es um die Balance zwischen den verschiedenen Produkten, wie auch der Energiezufuhr.


Als Ernährungsexperte, was sind deiner Meinung nach die grössten/ spannendsten Ernährungstrends der letzten Jahre? (Vegan, Paleo…)

Die Entwicklung, die ich aktuell am meisten antreffe, ist leider immer noch die ketogene Ernährung*, welche unserem Körper leider nicht alle Nährstoffe liefert, die er benötigt. Generell bin ich kein Fan von Diäten, welcher Art auch immer.

Ein weiterer Trend ist der zur pflanzenbetonten Ernährung. Dies macht aus Sicht der Nachhaltigkeit Sinn, jedoch gibt es auch da Formen, welche aus meiner Sicht bedenklich sind. Damit meine ich, dass bei einer pflanzenbetonten aber einseitigen Ernährung schnell mal Mangelerscheinungen auftreten können.


Was sind grössten/häufigsten Fehlannahmen/Lügen in der Ernährungsmedizin

Dass wir auf irgendetwas verzichten müssen, damit es uns besser geht. Und dass ein tieferes Gewicht bedeutet, dass eine Person gesünder ist. Die Gewichtsdiskriminierung nimmt in unserer Gesellschaft immer weiter zu was für mich erschreckend ist. Ein höheres Gewicht zu haben heisst nicht, dass eine Person weniger gesund lebt, da wird leider viel zu oft stigmatisiert.


Gefühlt hat heute jeder Zweite eine Glutenunverträglichkeit oder Laktoseintoleranz. Wie sind derlei Unverträglichkeiten aus ernährungswissenschaftlicher Sicht einzuordnen?

Die Laktoseintoleranz kommt in der Schweiz bei etwa 20% der Bevölkerung vor. Die Zöliakie, auch Glutenintoleranz, ist eine Autoimmunreaktion auf Gluten, einem Bestandteil in verschiedenen Getreidesorten. Eine Zöliakie besteht bei 1% der Schweizer Bevölkerung. Jedoch kann man davon ausgehen, dass auch eine tiefe Prozentzahl auf Weizenbestandteile reagiert, ohne unter einer Zöliakie zu leiden. Die hohen Zahlen, die man jedoch im Alltag hört, sind aus meiner Sicht unrealistisch. Im Beratungsalltag mit Sportler:innen erlebe ich immer wieder, dass die Energiezufuhr viel zu tief ist und ein sogenanntes RED-S besteht. Bei einem RED-S bekommt der Körper nicht genügend Energie und diverse Funktionen laufen im Sparmodus. Dazu gehört auch der Magen-Darmtrakt. Häufig habe ich bei diesen Personen erlebt, dass glutenhaltige Getreide und andere Produkte bei wieder bedarfsdeckender Energiezufuhr besser vertragen werden. «Schuld» an der Unverträglichkeit war in diesen Fällen nicht das Gluten, sondern die zu tiefe Energiezufuhr.


Gibt es eine besonders wichtige Regel oder einen Aspekt, den du Sportlern/ Nichtsportlern gerne mitgibst?

Seid achtsam. Das hört sich simpel an bringt aber unglaublich viel. Wenn wir auf unsren Körper hören und parallel eine vielseitige Ernährung ohne Verbote verfolgen, geht es uns meist körperlich wie auch psychisch besser.


Welchen Tipp kannst du unseren Lesen geben, den ersten Schritt in die richtige Ernährungsrichtung zu machen?

Verabschiedet euch von Empfehlungen, die Produkte verbieten. (Ausnahme gilt bei Krankheitsbildern, welche eine bestimmte Ernährungsweise benötigen wie z.B: eine glutenfreie Ernährung bei einer Zöliakie).


Herzlichen Dank Celine für das interessante Interview zum Thema «gesunde Ernährung».


Über Celine Matter

Seit ihrem Abschluss 2016 arbeitet Celine Matter als Ernährungswissenschaftlerin. Als ehemalige Leichtathletin gilt ihre Leidenschaft dem Sport, was sie zu ihrem Schwerpunkt der Sporternährung motiviert. Von 2017-2021 arbeitete sie in der Merian Iselin Klinik, wo sie verschiedene Sportler und Förderprogramme unterstützte. Seit 2021 arbeitet Celine als selbstständige Ernährungsberaterin bei «compeat nutrition» und wird noch dieses Jahr in die Crossklink Räumlichkeiten einziehen.


*Ketogene Ernährung: kohlenhydratarme (maximal 10% pro Tag), dafür fettreiche (60% pro Tag) Kost, die zu einer Umstellung des Energiestoffwechsels im Körper führt.